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Medien, Geschichte


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Über dem Hakenkreuz

Presslufthammer oder Aufarbeitung von Geschichte - was verdient den Vorzug?

Ein Beitrag von Andrea Schütze aus München, 21.11.2017
Hakenkreuz Hein-Klink-Stadion Hamburg

Ein Hakenkreuz in der Größe 4 x 4 m unter dem Hein-Klink-Stadion in Hamburg. Es war einst das Fundament eines NS-Denkmals.
Quelle: GMX.

Ein aktuell unter der Erde des Hein-Klink-Stadion in Hamburg entdecktes Hakenkreuz aus Beton soll mit Presslufthämmern ausgemerzt werden, wie die BILD-Zeitung berichtet (Bild-Online 20.11.2017, siehe auch Spiegel-Online), eine Kirchenglocke mit Hakenkreuz wurde nun nach längerem Streit (darüber hatten schon diverse Medien berichtet) abgenommen, nachdem sie entdeckt worden war.
Aber ist so eine Geschichtsverdrängung wirklich klug?

Vernichtung und Verdunkelung - probate Mittel zur Geschichtsaufarbeitung?

Ich komme aus München, der Hauptstadt der Bewegung. Das Haus der Deutschen Kunst ist ein Adolf-Hitler-Bau und damit Teil der sogenannten bösen Architektur.
Vor vielen Jahren war daher die Frage bzw. der Ruf nach seinem Abriss ein großes Thema im Münchner Stadtrat gewesen und irgendwie scheint man bis heute eine gewisse Scheu im Umgang mit diesem historischen Bau zu haben.
Jetzt ist ein Hakenkreuz unter einem Sportstadion aufgetaucht und man meint keine andere Lösung finden zu können als es mit Presslufthämmern zu entfernen.
Niemand käme auf die Idee ein Eisentor zu verstecken auf dem als Ausdruck schlimmster und zynischster Menschenverachtung zu lesen steht Arbeit macht frei - und das ist auch gut so.

Jede Art von Geschichtsverdrängung, sei es als eine Art Damnatio Memoriae indem man die Spuren vernichtet, sei es als eine Art Verdunkelung, indem man Geschichte in geheimen Archiven verschwinden lässt und zur Verschluss-Sache erklärt, ist eine historische Kapitulation. Beide Methoden sind nicht nur untauglich, sie bilden den Nährboden für alle Arten von Verschwörungstheorien.

Beide Methoden lassen sich zwar historisch erklären, als bei Regime-Wechsel immer wieder zu erkennende Reaktionen, indem Statuen gestürzt werden oder Abzeichen aus der Öffentlichkeit entfernt werden.
Beide Methoden lassen sich daher in historisch frühen Phasen eines Zeitenwechsels daher auch rechtfertigen, weil es mag zwar die Herrschaft äußerlich sich wandeln, was aber keinen Wandel in den Köpfen der Menschen verbürgt. Und solange eine Generation möglicher zeitgenössischer Anhänger noch existiert, mag es sinnvoll erscheinen so zu handeln.
Dennoch: So ein Handeln ist auf Dauer betrachtet weder historisch sinnvoll, noch verantwortungsbewusst.

Historischer Wandel einer neuen Generation

Gerade in den letzten Jahren haben sich auf dem Diskussions-Sektor doch gewisse Veränderungen in der historischen Bewertung und im historisch verantwortungsvollen Umgang mit Relikten der NS-Zeit gezeigt, die hoffen lassen und was möglicherweise an einer neuen Historiker-Generation liegt, die nun verstärkt auf das Feld der Wissenschaft tritt. Diese ist historisch nicht mehr so vorbelastet, kommt weder aus der NS-Zeit, noch ist sie vom Widerstand der 68-er geprägt, sondern vermag in zeitlicher Distanz viel neutraler mit dieser brisanten Materie umzugehen.
Es gibt dafür auch Beispiele, woran sich dieser Wandel erkennen lässt: Das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, das vom dumpfen Verfall in historische Aufarbeitung übergeht, auch hier in München die Frage der Restaurierung des Hauses der Deutschen Kunst, oder auch wie man mit dem nun „frei“ werdenden Werk Adolf Hitlers, seinem Mein Kampf, verantwortungsvoll umgehen kann. So ist man hier vom bloßen Verbot zur Herausgabe einer kommentierten Ausgabe übergegangen.
Gerade Letzteres zeigt sehr deutlich: Es geht auch anders.

Ein Historiker ist kein Geschichtenerzähler, ein Historiker ist Analytiker

Zur Medienflut zählt auch die Flut an produzierten Geschichtsmedien von der Doku bis zum Buch, die bisweilen erkennbar heiß gestrickt, aber wenig gehaltvoll sind und auch das Werk oder die Koproduktion von Historikern (namhafter Institutionen) sind. Nicht alles was da angeflutet kommt, ist ein historisches Ruhmesblatt, sondern genügt eher den Regeln des Marktes bzw. der Medienwelt.
Was hier geschieht ist keine Geschichtsschreibung, sondern ein Geschichtenerzählen und darin unterscheidet sich der Historiker vom Annalisten, weil es im darum geht Geschichte zu analysieren, zu erklären und damit für andere entlarvt zugänglich zu machen.
Geht man wissenschaftlich fundiert und nüchtern an diese historisch brisante Materie heran, muss Geschichte weder vernichtet, noch verdunkelt werden.

Was macht die NS-Zeit und ihre Medien so gefährlich?

Das Gefährliche an der NS-Zeit war nicht die Konsequenz der Kriege und der Tötung von Millionen von Menschen. Das war das Schreckliche, das unfassbar Schreckliche, von einer bis dahin ungekannten Dimension und Unglaubwürdigkeit. Das war die Konsequenz dessen was vorausging.
Aber das, was vorausging, das war das Gefährliche.
Das Gefährliche waren Dinge, die für sich betrachtet harmlos erscheinen, aber in ihrer Wirkung sehr mächtig sein können: Bücher, Zeitschriften, Flugblätter, Filme, Lieder, Gemälde, Statuen, Architektur… alles was unser Leben in Zivilisation umgibt und - ohne dass wir uns dessen bewusst sind - ständig und überall und jeden Tag mit uns kommuniziert, uns lenkt und beeinflusst. Es ist die Macht der Medien. Die Macht der Medien ist in der Lage zu verwirklichen, was man bei nüchterner Überlegung für unerreichbar halten würde. Aber sie hat es möglich werden lassen, dass Millionen von Menschen geistig und emotional so gleichgeschaltet werden konnten, dass weder von der Bevölkerung, noch vom Ausland offener Widerstand erfolgt war. Das Ausland hatte sich seinerseits begeistert von dieser Medienmacht gezeigt und war erst in Bewegung geraten, als die Aggression vom Deutschen Reich ausgegangen war und man andere Staaten regelrecht überfallen hatte.
Man ließ es geschehen, was sich da an Bösem zusammengebraut hatte. Das fand nicht erst in der Kriegszeit statt, sondern geschah bereits in Friedenszeiten, wo alles aufgebaut, eingeleitet und begonnen wurde.
Die Wirkung dauert bis heute an und das ist das Gefährliche am Nationalsozialismus und seinen Medien.

Die Ästhetik des Bösen

Und diese dunkle Gefahr, die bis heute ihren gefährlichen Zauber verbreitet, die geht nicht von Symbolen an sich aus, sondern von der Macht der Medien, die sich dieser Symbole bedient und sie zu medialen Chiffren macht.
So eine Handlungsweise ist keine Erfindung der Nazis gewesen. Eigentlich hat das schon immer stattgefunden seit Menschen Politik betrieben haben und es darum ging andere Menschen für die eigene Position zu gewinnen. Die fatale Fähigkeit der Nazis bestand darin alles auch nur irgend medial Nutzbare mit vorzüglicher Medienpsychologie zu mißbrauchen und damit Menschen – wider alle Vernunft und wider alle Moral, die jedem bewusst gewesen sein muss und bis heute bewusst sein muss – zu manipulieren.
Das gerade wirkt weiter und dem wird zu wenig begegnet.

Das Böse ist in seiner Schrecklichkeit nicht hässlich, es ist attraktiv.
Die mit Oscar oder nicht prämierten Filme über die NS-Zeit tragen meines Erachtens nicht unbedingt dazu bei, um das Böse in seiner Funktionsweise und Existenz zu entlarven.
Im Gegenteil, manch einer kann sich von dieser fragwürdigen Ästhetik des Bösen sogar angezogen fühlen. Das ist auch gar nicht verwerflich. Wir sprechen hier von Medien, die bewusst so gestaltet sind nicht den Geist, sondern Emotionen anzusprechen. Wer sie nicht fühlt, kann sie nicht analysieren, weil er sie nicht kennt, sondern blind für ihre Existenz und Wirkung ist. Die Ästhetik des Bösen existiert und man hat sie auch schon vor und nach den Nazis bewusst medial eingesetzt: Beste Beispiele sind das Kolosseum in Rom mit seinen Gladiatorenkämpfen oder Wagenrennen oder Seeschlachten. Schon die Römer haben sich der Ästhetizierung des Bösen bedient. Und wer findet Lord Vader in Star Wars nicht faszinierend?!
Solange Medien existieren und wir zu einer Kultur gehören deren Codes sie sprechen, solange werden Medien wirken und solange sind Medien im Negativen auch gefährlich.
Gerade weil dies so ist, heißt es aber auch, dass man sich gegenüber Geschichte historisch verantwortungsvoll zu verhalten hat, und das geschieht nicht durch Vernichtung oder Verdunkelung.

Was geschieht wenn Geschichte nicht entlarvt wird

Was geschieht, wenn Geschichte und Medien in der Geschichte in ihrer Funktionsweise nicht entlarvt werden, davon hat uns ein gerade im Untergang begriffenes Terror-Regime ein Lehrstück gegeben, was in seiner Dimension bei historisch verantwortungsvoller Medienanalyse möglicherweise zu verhindern gewesen wäre.
Es heißt heute die NS-Zeit drohe in ein Reich der Mythen abzugleiten und seine Realität zu verlieren. Muss es wundern? - Wer betreibt heute die große Massenaufklärung? - Filme und immer gleiche Dokumentationen, die nachts durch die Sender rieseln.
Abgesehen von einer gewissen Abstumpfung, die durch ewig gleiche Dokus mit einer ständigen Aneinanderreihung historischen Filmmaterials erzeugt werden, erscheint im Massenspektrum durch Hollywood-Blockbuster die NS-Zeit wie ein Teil der Filmwelt oder aus der Spielekonsole, wo man auch den Nazis begegnet. Aber lernt man dadurch auch die Macht des Bösen zu durchschauen? Erkennt man dadurch wie man durch Medien gelenkt und beeinflusst wird?

Ich kann mir gut vorstellen, dass es bis heute den Vertretern von Medien, Märkten und Politik nicht so wünschenswert erscheint, wenn die Menschen über die Funktionsweisen von Medien und ihrer Manipulation aufgeklärt werden.
Die Mündigkeit der Bürger ist nicht erstrebenswert, wenn man die Entwicklungen im Internet beobachtet, wo man nur noch sieht, was andere für einen Filtern und so weiter. Wir befinden uns heute in einem Dauerbeschuss medialer Manipulation und es wäre ungünstig, wenn man dies alles erkennen würde. Einiges ließe sich schwerer vermitteln und verkaufen.
Doch wie sehr sich so eine mangelnde mediale Aufklärung rächen kann, zeigt sich am Beispiel derer, die dem IS gefolgt sind und im Namen von ISIS schlimmste Straftaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, was diametral zu der Welt steht aus der sie kommen, was vielfach diametral zu den in ihren Familien gelebten Werten steht und diametral zu den Lehren ihrer Religion steht für die sie zu handeln vorgeben.
Diese Leute wurden auch Opfer perfider Medien, die in ihrem Bösen jenen der NS-Zeit vergleichbar sind.
Die in der Regel jungen Menschen trafen auf diese Medien, ohne zu erkennen, dass sie am laufenden Band einer Art Hirnwäsche unterzogen wurden und werden. Das ist nichts anderes, als früher als Propaganda der Nazis betrieben worden war.

Geschichte hat hier versagt, weil der Nationalsozialsmus ist nur ein deutsches Problem. Nur Deutsche sind für viele Nazis. Auch ist das ein Stoff in Filme und Computerspielen und kommt gleich nach der Sagewelt und es war einmal…. Und damit wird für sich ein Anspruch erhoben, der in falscher Sicherheit wiegt, weil es waren nicht die Deutschen, sondern die Nazis mit ihren Medien, die dieses Unheil bewirkt haben und jeder steht in Gefahr so einer Hirnwäsche und Ideologisierung ausgesetzt zu werden, wenn er nicht lernt bzw. gelernt hat Medien in ihrer Existenz und Wirkung zu entlarven.

Die ISIS-Täter sind auch in Europa und auch in Lebensumfeldern mit westlichem Standard groß geworden. Sie leben post-nationalsozialistisch. Hätte Geschichte entsprechend entlarvt und sensibilisiert und es nicht als rein deutsches Problem, sondern ein mediales Problem dargestellt, das jeden treffen kann, womöglich wären weniger zu Tätern geworden.

Und das gilt auch für die Leute, die mit NSU oder sonst einer rechtsradikalen Organisation sympathisiert haben oder sympathisieren.
Diese Menschen sind nicht unmoralisch und wertfrei. Im Gegenteil jede dieser Gruppen reklamiert für sich sogar hohe Werte und tiefe Moral. Aber ihre Moral und ihre Werte sind pervertiert und dies auf eine Art und Weise, die einem neutral denkenden Menschen nicht nachvollziehbar ist. Die fehlende Rationalität wird ersetzt durch die Logik ihrer Medien.

Geschichte ist auch Verantwortung für die Zukunft

Es zeigt sich darin, dass nichts Gescheites dabei herauskommt, wenn man Geschichte nicht stellt, nicht analysiert und entlarvt, sondern sie nur vernichtet und verdrängt.

Für einen Kunsthistoriker reicht es nicht ein Gemälde oder Statue oder Architektur nur aus der Photographie heraus zu kennen. Man muss sie erfahren und zwar in ihrer Wirkung, was nichts anders bedeutet als in ihrer medialen Kraft.
Aber nur wenn das möglich ist, kann so ein Werk richtig untersucht und analysiert werden.

Nicht anders verhält es sicht mit den Medien der NS-Zeit.
So ein Medium kann nur dann sein Unheil anrichten, wenn es nicht erkannt und in seiner Wirkungsweise nicht entlarvt wird, was der Fall ist, wenn man sich dem unwissend aussetzt.
So eine Erkenntnis ist aber nur möglich, wenn man sich seiner Wirkung überhaupt aussetzen kann, das heißt wenn man in historischer Aufarbeitung und Anleitung zur richtigen Erkenntnis geführt wird, gezeigt wird worin die Wirkung besteht und dass diese gezogenen Einwirkungen und Erfahrungen Ergebnis gezielter Manipulation sind.
Den Verblendeten fehlt so eine Erkenntnis. Wenn wir heute Geschichte verschwinden lassen, wenn sie nicht mehr real greifbar wird – ob im Guten oder Bösen – dann wird sie in ihrer Darstellung jenen überlassen, die mit Medien Gehirne waschen und neu eichen. Bisher waren die Ergebnisse nie wünschenswert, sondern von unglaublicher Schrecklichkeit. Wir sollten daraus lernen.

Geschichte ist nicht Disney-Land und die Traumwelt von Akropolis und Neuschwanstein. Geschichte ist auch das Böse.
Jede Generation trägt Verantwortung für die Zukunft kommender Generationen. Unsere Verantwortung erschöpft sich nicht im Umweltschutz, sondern auch in der historischen Zukunft, damit böse Vergangenheit nie wieder eine Zukunft hat.

Die erhaltenen Relikte der NS-Zeit bieten die einzig wirkungsvolle Gelegenheit sich analytisch und entlarvend mit dieser Zeit im Speziellen und ganz allgemein mit der Wirkungsweise böser Medien auseinanderzusetzen. Das ist nur möglich, wenn sie greifbar bleiben, und nicht allein der Erschaffung von Vorstellungen und Phantasien in den Köpfen der Menschen überlassen werden.

Für Hakenkreuze auf Glocken und auch das Hakenkreuz unter dem Hein-Klink-Stadion in Hamburg muss eine andere Lösung als der Presslufhammer gesucht werden, weil es - mit richtiger und verantwortungsvoller historischer Aufarbeitung - eine Chance zur Vermeidung neuen Bösen bietet und man durch Vernichtung und Verdunkelung dieser Chancen beraubt wird.

Das sind wir als letzte Generation in Kontakt mit Zeitzeugen dieser schrecklichen Geschichte jenen zukünftigen Generationen schuldig, die keinen Abgleich mit Zeitzeugen mehr haben werden und denen der richtige Umgang mit diesen Medien über unsere eigene Existenz hinaus an die Hand gegeben werden muss.

Die Nazis von einst sind tot. Ihre Medien hingegen, die sie einst so mächtig haben werden lassen, die haben sie überdauert und wirken weiter und es ist immer derselbe mediale Mechanismus dem Menschen geistig und moralisch erliegen, ob in Rom, ob auf Kreuzzügen, ob in der NS-Zeit oder mit den Terror-Netzwerken des Hier und Jetzt. Diese Chance sollten wir nutzen.

Andrea Schütze
München, 21. November 2017

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