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Das Klima und wir

Über historisch richtige und falsche Klima-Analogien

Ein Beitrag von Andrea Schütze aus München, 15.11.2017

Klima geht uns alle an und so möchte ich hier ein paar kritische Anmerkungen zu einer Aussage von Philipp Blom in einem BR-Radiointerview und zur ZDF-Dokumentation Klima macht Geschichte abgeben.

Historisch richtige Analogien - Herausforderung und Chance

Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt sie zu wiederholen: Das ist eine Wahrheit, die leider viel zu wenig Gehör zu finden scheint - nicht zuletzt auch im Bezug auf das Klima. Denn was wir heute erleben, das ist historisch so neu eigentlich nicht. Schon in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden waren Menschen mit Klimakatastrophen konfrontiert - nur verfügen wir über den Vorzug auf diese historischen Lehrfälle zurückblicken zu können und daraus zu lernen, sofern wir das als Gesellschaft und Weltbevölkerung umzusetzen bereit sind.

Im Zusammenhang mit der aktuellen Bonner UN-Klimakonferenz sind unter anderem im Radio und Fernsehen zwei Beiträge zu hören bzw. zu sehen gewesen, die ich zwar interessant finde, aber doch auch als diskussionwürdig erachte, weil sie in ihrer historischen Analogienbildung unzutreffend und zudem historisch nicht immer richtig sind.

Wenn wir von einer historischen Analogie sprechen, dann müssen wir uns zunächst einmal über die essentielle Grundlage einer Analogie bewusst werden, nämlich, dass diese eine vergleichbare Konstellation voraussetzt – ohne diese keine Analogie. Bloße Ähnlichkeiten hingegen reichen für eine Analogie nicht aus.

Es geht hier um zwei Beiträge: Einmal die ansonsten wirklich sehenswerte zweiteilige ZDF-Dokumentation Klima macht Geschichte (Teil 1, Teil 2) und das Buch Die Welt aus den Angeln von Philipp Blom. Hierzu fand für eine Buchvorstellung am Morgen (10.11.2017) in der Radiowelt auf Bayern2 ein Telefoninterview mit dem Autor statt, das mich zu diesem Beitrag veranlasst hat.

Hat unsere klimatische Glückssträhne ein Ende gefunden?

Blicken wir auf die Klimageschichte der Erde, dann können wir sagen, dass wir im Verlauf der letzten 10.000 Jahre richtig viel Glück gehabt hatten, weil wir in dieser Zeit in einer relativ stabilen und lebensfreundlichen Klimaphase unserer Erde leben durften. Die Klimageschichte zeigt aber auch, dass es auf unserer Erde nicht nur anders geht, sogar deutlich anders, sondern dass diese Ruhephase eher sogar noch eine glückliche Ausnahme, als die weit drastischere Regel (gewesen???) zu sein scheint, die ganz extreme Ausschläge in Heiß- und Kaltphasen auf unserer Erde kennt.
Es war immer so, es ist so und wird auch so bleiben, selbst wenn wir Menschen längst wieder vom aktuellen Evolutionsbildschirm verschwunden sein werden. In jeder Schwankungsphase, wo sich das Klima in eine Richtung verändert, wird es für alle Lebewesen, die sich bisher eingerichtet haben, eine Herausforderung bedeuten: Einige werden davon begünstigt werden, andere sich leichter anpassen können, anderer hingegen schwerer und wieder welche werden ganz verschwinden, weil kein Lebensraum mehr möglich ist.

Klimawandel an sich ist ganz sicher nicht neu und nie nicht zu erwarten gewesen. Es war im Angesicht der Amplitudenbewegung der erdgeschichtlichen Klimaanzeigen, schon eher sogar überfällig, dass wieder mal was los ist, aber dann wohl eher in die Richtung Kälte, als Wärme, weil wir uns bislang eher in einer Warmphase befunden haben. Unsere aktuelle Klimaerwärmung ist daher wohl eher untypisch.

Über die Macht des Klimas in der ZDF-Dokumentation

Wie drastisch Klima sich auch auf historische Ereignisse auswirken kann, hat die zweiteilige ZDF-Dokumentation Klima macht Geschichte sehr anschaulich gezeigt. Klima setzt ganze Völkerschaften in Bewegung, sorgt damit für Spannungen und auch Kriege, die dann eher Verteilungskriege sind, wie beispielsweise der dort gezeigte Seevölkersturm um die Zeit des ersten Jahrtausends vor Christus, der das sogenannte Dunkle Zeitalter einläutete usw. usf.
Auch die uns eher naheliegende Völkerwanderung, die zum Zusammenbruch des Imperium Romanum und zu unserer eigenen Geschichtstradition in einer Mischung aus römischem und barbarisch-keltisch-germanischem Kulturgut geführt hat, ist durch Klimaveränderungen ausgelöst worden und stellt im Prinzip Verteilungskämpfe dar zwischen Bevölkerungsgruppen in klimatisch günstigeren Regionen und jenen, die durch ungünstiges Klima aus ihrer Heimat vertrieben worden waren.

Die in unserer Zeit einsetzenden Wanderungsbewegungen in Südostasien oder in Afrika können und sollen uns daher nicht ungerührt lassen, nicht allein aus humanitären Gründen, sondern weil damit ganz selbstverständlich als Überlebenskampf neue Verteilungskämpfe stattfinden werden. Wir dürfen uns hier historisch deutlich gewarnt sehen, denn – was diese Konsequenzen anbetrifft – so besteht zwischen Heute und Ehedem ein deutlicher Vergleichspunkt, der sich aber weniger aus der Ähnlichkeit der historischen Konstellation, als eher durch das Ansprechen tiefster Überlebenstriebe von Grund auf bedingt sieht, der immer und überall gilt, wenn es ums nackte Überleben geht, ob im Klimawandel oder beim Untergang der Titanic.

Insofern sind in dieser ZDF-Dokumentation die zeitlos gültigen Konsequenzen aus drastischen Klimaveränderungen für das soziale Zusammenleben innerhalb der Gruppen, aber auch zwischen Gruppen von Menschen sehr anschaulich dargestellt worden.

Es gibt aber auch Kritikpunkte, die ich als historisch unrichtig bezeichnen möchte. Dazu gehören Aussagen wie im Imperium Romanum hätten alle Menschen gleiche Rechte gehabt, oder dass man als Ausdruck der Blüte des Imperiums gerade seine größte Mordmaschine - das Kolosseum - anführt in dem tausende und abertausende Menschen und Tiere hingemetzelt und abgeschlachtet worden waren - und dies allein zur Belustigung der Massen.
Es gibt weit Wichtigeres und Positiveres, was von den Römern auf uns gekommen ist, wie beispielsweise die Erschaffung von Infrastruktur oder ein Rechts- und Finanzwesen.
Zu einfach - und in dieser Art der Aussage sicher auch unrichtig - ist die weitere Aussage, das Imperium Romanum sei zusammengebrochen, weil es in Nordafrika durch eine Klimaerwärmung zu einer Verschlechterung der Getreideernten gekommen sei. Das war sicher kein Faktor, der allein für das gesamte Imperium galt und sicher kein Faktor, der maßgeblich für den Kollaps gestanden hat.

Aber kann man mit dieser Dokumentation, in der nahezu ausschließlich Klimakatastrophen dargestellt wurden mit denen der Mensch unverschuldet konfrontiert worden war, Parallelen und Analogien zu uns Heutigen ziehen? – Ich meine Nein. Es gibt zwar ähnliche Gefahren, die aus Überlebensstreben von Betroffenen resultieren (Stichwort: Völkerwanderung), aber deswegen besteht in der Ausgangskonstellation keine Parallele. - Warum?

Unsere Situation heute ist nicht eine Klimaveränderung, die durch eine Verschiebeung der Erdachse, oder Sonnenflecken, oder Veränderungen von Winden und Meeresströmungen, oder Vulkanausbrüchen bedingt werden, die allesamt die Klimakatastrophen in der Dokumentation Klima macht Geschichte herbeigeführt hatten.
Unsere heutige Situation ist Menschenwerk. – Und falsch ist hier geradezu die in der Dokumentation getroffene Aussage, der Mensch habe vor dem Heute nie mit eigenproduzierten Klimaproblemen zu tun gehabt. Diese Aussage ist falsch und es wäre wünschenswerter und möglicherweise noch interessanter und lehrreicher gewesen, wenn man sich in dieser Dokumentation wenigstens auch damit beschäftigt hätte. Beispiele dafür gibt es genug, wie die Abholzung der Wälder im Mittelmeerraum, die in Mesopotamien zu drastischen Klimaveränderungen geführt hatten und auch zur Verkarstung im Mittelmeerraum beigetragen haben. Die Welt der griechischen Sagenhelden spielt sich in Wäldern ab, die es im klassischen Griechenland – und noch weniger heute – so gar nicht mehr gab und gibt.
Oder die Abholzung der Wälder in Südamerika, was zum Untergang ganzer Kulturen geführt hat.
Oder die Zerstörung der ursprünglichen Vegetation auf den Osterinseln, was zu schweren Kämpfen im Überlebenskampf der dortigen Völker führte oder die Auswirkungen der Römer, aber auch der Menschen des Mittelalters mit ihrem Raubbau gegenüber den Wäldern Nordeuropas als das letzte beispielhafte Oder in dieser Reihe.
Es gibt und gäbe genug Beispiele hausgemachter Klimakastastrophen, die zeigen, dass der Mensch nicht erst heute, sondern schon über Jahrhunderte hinweg - ob westlich-zivilisiert oder noch in eingeborenen Kulturkreisen verhaftet- der Natur kräftig ins Handwerk zu pfuschen gesucht hat und dabei wie ein unguter Zauberlehrling damit nichts Gutes angerichtet hat.
Was hier geschieht ist so neu nicht.

Nicht wirklich Neues an der Angel

Und genau so verhält es sich auch mit dem Buch von Philipp Blom, das die sogenannte Kleine Eiszeit im 16.-18. Jahrhundert zum Gegenstand seiner Diskussion über die Konsequenzen des Klimawandels nehmen möchte und das ich erstmals in der RadioWelt am 10.11.2017 in einem Radio-Interview mit dem Autor als Hörer dieser Sendung vorgestellt bekam (Link zur Sendung siehe oben).

Ich habe das Buch nicht gelesen und daher werde ich mich hier nicht über das Buch äußern, sonder über das, was ich dazu aus den Beiträgen des Bayerischen Rundfunks in Gesprächen mit dem Autor erfahren habe.
In der BR-Sendung Kulturwelt wurde das Buch wegen seines Themas als eine Novität angepriesen, als habe man zuvor gar nicht gewusst, dass es diese sogenannte Kleine Eiszeit gegeben habe. Also so neu ist das in der Tat nicht und man hätte sich daher eher wirklich Neues erhofft, wie es die zuvor genannte Dokumentation im Bezug auf Klimakastrophen in der Tat zu bieten hatte.
Dies wäre noch mehr als dort angezeigt gewesen, denn - anders als in der Dokumentation - sucht der Autor mit seinem Buch ganz dezidiert Parallelen und mehr noch Analogien zur Zeitgeschichte zu ziehen, die allein aus dem Vortrag im Radio so nicht schlüssig erscheinen, weil die für die Analogie erforderliche Vergleichbarkeit der Ausgangssituation fehlt.

Jedenfalls habe ich die Beiträge so verstanden, dass der Autor darin die These vertritt, die Klimaveränderung habe zu einer Ausbildung von Märkten und Städten und einer Kapitalisierung und Ausbeutung anderer Völker beigetragen.
Nach dem im Radio Vorgetragenen vermag mich das nicht zu überzeugen, weil die Ausbildung von Städten ist – abgesehen davon, dass diese Entwicklung ja geradezu uralt ist, weil schon in den altorientalischen Kulturen angelegt - also abgesehen davon ist diese Entwicklung auch nichts, was erst eine Erscheinung der Neuzeit gewesen wäre, sondern vielmehr haben die Städte gegen Ende des Mittelalters und noch vor der von Herrn Blom angeführten Kleinen Eiszeit ganz gewaltig an Macht und Einfluss gewonnen.
Ähnlich verhält es sich auch hier mit der Entwicklung von Handelsbeziehungen, Entwicklung von Kapitalismus und Gewinnmaximierung. Auch dies waren Entwicklungen, die es zuvor schon in der Antike gab, weil das Imperium Romanum war in der Antike wohl der größte existente Wirtschaftsraum, der zudem über die eigenen Grenzen hinaus Beziehungen nach China und Schwarzafrika oder die Nordvölker unterhalten hatte. Hier fanden diese Entwicklungen aber nicht in der von Herrn Blom als Ursprung für solche Entwicklungen angegebenenen Kaltzeit, sondern in einer (laut ZDF-Dokumenation) verlaufendenden Warmzeit statt, so dass allein schon hier ein Widerspruch zur These von Herrn Blom entsteht, weil auch Warmzeiten Impulse zur Wirtschaftsbildung darstellten. War das Klima demnach wirklich initialisierend?
Es ist auch so, dass die Geschichte von Entdeckung und Horizonterweiterung und Kartographie immer schon von kapitalistischem Gewinnstreben angetrieben war und dies am günstigsten nicht in klimatischen Warm- oder Kaltzeiten, sondern in politischen Warmzeiten mit günstigen Friedenszeiten stattgefunden hat.
Die Römer regierten in einer klimatischen Warmzeit und waren doch das Volk des Krieges schlechthin. Dennoch haben sie in ihrem Herrschaftsraum einen optimalen Frieden erschaffen und damit einen gewaltigen Wirtsschaftsraum für Wirtschaftswachstum eröffnet. Der Friede bringt den Wohlstand, aber Kriege finden auch in warmen Zeiten und in heißen Ländern statt.
Dass Klimaprobleme Konflikte schaffen ist sicher richtig, wie schon die Dokumentation Klima macht Geschichte gezeigt hat, aber es ist nicht allein maßgeblich für die Entwicklung von Wirtschaft und Kapitalismus und schon gar nicht die Kleine Eiszeit des 16.-18. Jahrhunderts, weil hier Entwicklungen zu sehen sind, die weit länger davor schon angelegt gewesen waren.

Hexen als Opfer einer ungebildeten Landbevölkerung?

Was mich aber wirklich irritiert und historisch auch verärgert hatte, war die historische Unwahrheit des Autors über die Urheber der Hexenverfolgung und das hält mich im Ergebnis auch ab dieses Buch zu lesen oder zu empfehlen.

Es geht hier um folgende Aussage, die der Autor im Radio-Interview auf die Frage gab, was denn die Reaktion der Mächtigen und Starken auf die Klimaveränderung gewesen sei und da hieß es: Die erste Reaktion, die von Menschen zu erwarten gewesen sei, die mittelalterlich denken, sei die Bewertung als moralisches Problem gewesen, was mit Buße und Hexenverfolgung als magische Lösung zu beantworten versucht worden sei und als dann diese Lösung nicht funktioniert hat, da kam dann eine andere Art von Menschen, nämlich Menschen, die lesen und schreiben können und in Städten wohnen und die haben angefangen das empirisch zu untersuchen und sich Gedanken zu machen (Ausschnitt aus dem Radiointerview Bayern 2, Radiowelt, 10.11.2017).

Wir sprechen bei der sogenannten kleinen Eiszeit vom 16.-18. Jahrhundert. Das Zeitalter des Mittelalters ist hier bereits vorbei, und es waren, weder dumme Bauern, noch primitive Lynchjustiz dummer Bauern, wie der Autor indirekt mit Lese- und Schreibunkundigen, die nicht in Städten leben, angibt, sondern es waren von der Obrigkeit initiierte und abgehaltene Gerichtsverfahren, die als sogenannte Hexenprozesse nach festen Regeln und mit Gerichts- und Untersuchungsprotokollen abliefen und von (aus)gebildeten Menschen betrieben und ausgeführt wurden.
Weder waren hier Menschen zugange, die nicht lesen und nicht schreiben konnten, noch nicht in Städten lebten. Im Gegenteil: Diese Prozesse fanden mehrheitlich in Städten statt, sie wurden von zu ihrer Zeit und nach ihrem Verständnis gebildeten Menschen ausgeführt und abgeurteilt, die sowohl lesen, als auch schreiben konnten und der Hexenglaube zog sich bis in die Kreise hochintellektueller Persönlichkeiten.
Eine derartige Aussage zu treffen man habe mit Hexenverfolgungen eine magische Lösung finden wollen und als das nichts brachte, dann seien Menschen gekommen, die lesen und schreiben konnten und in Städten lebten, ist nicht nur schlimmste historische Unwissenheit, es ist gegenüber der Landbevölkerung geradezu beleidigend, als seien Hexen einem rasenden Mob von Bauern zum Opfer gefallen.
Wie ich schon anführte, waren Hexenprozesse alles andere als regellos und kein Bauernstück, sondern wurden in Städten öffentlich vollzogen und dies auch aus Gründen der Rechtssicherheit, so wie auch heute für Prozesse das Öffentlichkeitsprinzip gilt.
Es war grausam und brutal und von einer schlimmen Verblendung getragen, aber keineswegs das Resultat des Handelns einer dummen und lese- und schreibunkundigen Landbevölkerung, wie Herr Blom hier seinerseits historisch unkundig wiedergibt.
Und diese Aussage möchte ich doch unbedingt korrigieren, weil es historisch unwahr ist und jene diskreditiert, die vom Klima am meisten betroffen waren, aber zum Grauen von Justiz und Politik am wenigsten beigetragen haben.

Andrea Schütze
München, 15. November 2017

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